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A naked mind

mit Milo Moiré

Bale, le 19 juin 2014. Milo Moire, lors de sa performance artistique visant a entrer nue a Art Basel. Photo: Sebastien Anex

 

“Mein Gehirn scheint in Gesichter vernarrt zu sein”

Hast Du eine persönliche Definition für Kunst?

Kunst ist Verwandlung. Sie vermag auf intuitive Weise Plastizität in die gewohnte menschliche Erfahrungsweise zu bringen, in DER Freiheitszone der persönlichen inneren Bedeutung. Findet sich ein Mensch in dieser unbewussten Sprache der gefühlten Bilder wieder, erfährt er Kunst- Verwandlung. Was für ein Glücksgefühl! Was Kunst so besonders macht ist, dass es aus dem körperlichen Gefühl eines universellen Verständnisses entspringt und es wiederum nährt.

Erzähl uns was an dem Tag der Strassenbahnfahrt passiert ist:

Der Alltag ist geprägt von “menschlichen Automaten”. Gelingt es stereotypes Handeln zu durchbrechen? In der U-Bahn verhielt ich mich genauso Skript-geleitet wie alle anderen: einsteigen, Ticket entwerten, Platz einnehmen, aussteigen. Meine in Worte gekleidete nackte Haut konnte die Scripts der Leute in der U-Bahn nicht durchbrechen?

The Split Brain + The Script System

Hast Du das Gefühl, dass die Intimität des Körpers, das eigentliche Opfer der menschlichen Gleichgültigkeit ist?

Im entblössten Körper zeigt sich die ambivalente Auseinandersetzung zwischen Moral und Natur. Er ist Opfer dieses scheinbar unauflösbaren Paradoxons. Es ist nicht Gleichgültigkeit die dahinter steckt, im Gegenteil, es ist die Angst vor der Konfrontation mit sich selbst. Im Kern ist es die Vermeidung sich selbst nahe zu kommen, sich selbst zu begegnen. Wer hat schon den Mut dazu? Statt sich selbst (im Inneren) zu Entblössen, verurteilt man lieber andere für ihre “Nacktheit”. Ist es nicht paradox, dass der Körper in der heutigen Gesellschaft hochstilisiert wird zum Statussymbol und es gleichzeitig verpönt ist, ihn vollumfänglich zu zeigen? Ich sehe den menschlichen nackten Körper wertfrei als Leinwand sich selbst näher zu kommen und Verletzlichkeit und Stärke zu empfinden. Der nackte Mensch als Symbol der Verantwortungslosigkeit getarnt in Gleichgültigkeit oder Empörung.

© 2010 Scott Rudd www.scottruddphotography.com scott.rudd@gmail.com

In einer der längsten Kunstausstellungen überhaupt, sass Marina Abramović 700 Stunden regungslos, den Raum vor sich fixierend. Was sind Deine Gedanken dazu?

The artist is present ist eine brillante künstlerische Leistung in ihrer menschlichsten Form. Menschen erleben den Moment der Begegnung auf vollkommen bewusste Weise, sind eingefroren lebendig, spiegeln sich, sind sich ebenbürtig und offen zugleich. Das alles passiert wortlos und rein körperlich. Die Zeit scheint in DEM Augenblick des gegenüber Sitzens still zu stehen während jede Zelle in Marina’s Körper in all den Stunden wie eine Uhr weiter tickt. Sie hat ein bewusstes Symbol geschaffen für den Augenblick einer Begegnung, indem sie es durch ihren immense körperliche Disziplin aus der alltäglichen Belanglosigkeit riss.

Milo on the bus

Es scheint, dass einige deiner Performances, trotz Aufmerksamkeit in den Medien, die öffentliche Meinung nicht so sehr erstaunt haben. Liegt der Grund in der Gewohnheit oder in der Abstumpfung?

Es ist kurzfristig ökonomischer gewohnte Perspektiven beizubehalten und sich nicht in Ungewohntes hineinzudenken. Der Mensch ist bequem und konsumfreudig. Versuchen Sie mal einen Porno zu schauen und künstlerische Aspekte darin zu erkennen oder in Normalität perverses zu entlarven! Moralisieren schränkt ein, wie wäre es statt dessen mal eine neue Perspektive aktiv zu erschaffen, sei es auch nur für den Bruchteil einer Sekunde? So könnte man zumindest potentiell etwas Neues erschaffen. Es braucht mehr Mut die Hand zu öffnen, als mit dem Finger auf jemanden zu zeigen.

Hast du Ideen für Projekte, die nach deiner Ansicht zu “extrem” sind, um sie zu realisierten?

Ja, vielleicht?

Milo by the way 3

Gibt es eine Erinnerung aus deiner Kindheit, die bedeutend für dich war?

Seit ich denken kann, habe ich mich für das Sonderbare interessiert. Ich liebte es zu beobachten, ich war ein sehr introvertiertes Kind. An jeder Schule gibt es die sogenannten Aussenseiter, genau für diese Kinder habe ich mich interessiert. Sie waren wie ein Regenbogen für mich, der Aufstieg vom Irdischen ins Himmlische. Als ich eingeschult wurde, wollte mir die Lehrerin vehement beibringen wie man einen Bleistift mit Daumen und Zeigefinger “richtig” hält. Auch wenn alle 20 Mitschüler den Stift genau so in den Fingern hielten, fühlt es sich für mich einfach “falsch” an und ich entwickelte meine eigene Fingertechnik.

Weshalb sind wir alle auf der Suche nach Ruhm?

Kein Mensch will bedeutungslos sein. Jeder trägt einen kleinen Narzissten in sich, der Grad der Ausprägung ist aber von Mensch zu Mensch unterschiedlich. Vermutlich liegt die Motivation in dem darwinistischen Prinzip “the survival of the fittest” begründet. Der Mensch als soziales Wesen ist auf die Anerkennung durch andere angewiesen. Die Suche nach Ruhm gab es schon immer, nur war er lokaler und langsamer. Die “soziale Globalisierung” via Internet begünstigt und beschleunigt die Möglichkeiten solchen Ruhms durch die Anonymität. So schnell der Ruhm oft kam, so schnell kann er verfliegen, wenn keine Kontinuität und Authentizität dahinter steckt.

Milo in the museum

Deine persönliche Sicht zu folgenden Zitaten von Herrn Sigmund Freud:

1) Vollständig ehrlich mit sich zu sein ist eine gute Übung:

Ich sehe es sogar als Notwendigkeit um sich entwickeln zu können.

2) Die grosse Frage, welche nie beantwortet wurde und die ich während meiner 30-jähringen Forschung über die weibliche Seele bis nie beantworten konnte, ist “Was will eine Frau?”

Bei Freud’s Aussagen muss man den Kontext der damaligen Zeit berücksichtigen. Sein Frauenbild war einseitig geprägt und gilt heute als überholt. Meiner Meinung sollte die Frage lauten: “What does a human want?” Ich muss allerdings mit einem Schmunzeln gestehen, dass ich die Frage auch schon mal von meinem Freund zu hören bekam.

Thanks

Milo by the way 4

Video
www.milomoire.com

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